ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

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ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Nissen » Mo 29. Jan 2018, 21:21

Nissen
 
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Re: ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Holger Kotthaus » Do 1. Feb 2018, 17:21

Vielen Dank für den Link.

Einige Leser werden sicher `nur´ mit dem Kopf geschüttelt haben, andere waren aber sicher auch sehr verärgert.
Ich habe jetzt beides hinter mir und einiges dazu niedergeschrieben (. . .aber schon auf ein Drittel kürzen müssen)

Völkermordstraße!?! Dieser sehr populistische Titel und das damit verbundene Thema ist ja nun wirklich nicht neu!
Warum also erneut diese, in meinen Augen überflüssige Wiederholung und das anheizen dieses alten Themas? Fehlte
es Redakteuren und Autoren an anderen und wichtigeren Themen, oder wollten sich die nur erneut in Szene setzen?
Oder lassen sie sich einfach nur aus geforderter "politischer correctness" und vom "Mainstream" instrumentalisieren?

Konnte man bei den Recherchen der Autors Kai Biermann über die NSA Abhöraffäre ansatzweise noch von
Investigativen Journalismus reden, so ist dieser `Völkermordstraßen-Beitrag´ eine Ansammlung von zusammen-
hanglosen Kriterien und erfundenen `Fakten´, die historisch falsch, und recht wenig miteinander zu tun haben.

Wenn wir uns näher mit dem Autor Kai Biermann und seinen bisherigen Tätigkeiten beschäftigen und auch mal etwas
tiefer recherchieren, wird sehr schnell deutlich aus welchen kommerziellen Beweggründen und aus welch ehrgeizigem
Hintergrund auch dieser Artikel entstand. Dieser Mann ist weder Historiker noch derzeit ein seriöser Journalist.

Aber wo beginnt eine notwendige Geschichtsaufarbeitung, und wo endet sie? Was ist Wann, Noch legitim, und objektiv?
Da in unserer schnelllebigen, und vom ständigen Wandel betroffenen Zeit natürlich auch bisherige Wertevorstellungen
komplett umgeworfen, und die eigene Geschichte stigmatisiert werden muss (!), erscheint schon fast als natürlicher Zwang.

Die `Macher´ dieser Ambitionen zeigen auch deutlich welche Geschichtskenntnisse sie besitzen wenn sie den Holocaust
der Nationalsozialisten mit den Vorgängen in den damaligen Kolonien völlig undifferenziert in einem Atemzug auffführen.
(Ich werde immer misstrauisch, wenn jemand ständig die "Fahne der Rechtschaffen- und Betroffenheit" vor sich her trägt.)


Schon beim ersten Titelbild; die Mohrenstraße und Völkermord in Zusammenhang zu setzen, ist genauso konstruiert, als
wolle man Gemeinsamkeiten zwischen Adolf Hitler und den Menschrechten aufweisen. Wer sich mal etwas intensiver mit
dieser Thematik beschäftigt und die Mühe macht in Primärquellen zu recherchieren wird auf ganz andere Fakten stoßen.
Hierzu gibt es aber auch ersten, zaghaften Wiederstand:
Umbenennung der Mohrenstraße Kein Respekt gegenüber der Geschichte Berlins . https://www.berliner-zeitung.de/politik ... s-24646312

Der folgende Textauszug stammt vom Historiker Prof. Dr. Jürgen g. Nagel aus einer Buch-Rezession zu Begrifflichkeiten wie:
Mohren – Brandenburgische Kolonien – Sklavenhandel – Politische Correctness
". . . Auch wenn man sich keinen verbindlichen Kolonialismus-Definitionen unterwerfen will, sollte nach dem heutigen Stand der
Forschung doch klar sein, dass die Verwendung von Begriffen wie 'Kolonialherrschaft' für das ausgehende 17. und das frühe 20.
Jahrhundert hieße, den schon bemühten Wermut mit Traubensaft vergleichen zu wollen. Die Brandenburger verfügten über eine Festung
und drei weitere notdürftig befestigte Stützpunkte an der Goldküste. Mit den unmittelbar benachbarten Afrikanern unterhielten sie
Beziehungen auf Vertragsbasis, wobei noch auszuzählen wäre, welche Seite die andere häufiger übervorteilte. Nicht selten gerieten diese
Beziehungen aus dem Gleichgewicht, dann jedoch zumeist zum Nachteil der Europäer. Die übrigen Gebiete des vom Autor zur "Kolonie
Großfriedrichsburg" erkorenen Küstenstreifens wagten die Brandenburger kaum zu betreten. Von einer Herrschaft über dieselben kann
beim besten Willen also nicht die Rede sein.

Zum anderen scheint sich der Verfasser, aus welchen unsichtbaren Gründen auch immer, einer gewissen 'political correctness' verpflichtet
zu fühlen. Zu finden ist dies bei den Ausführungen, welche die Beziehungen zu den indigenen Einwohnern, insbesondere aber den
Sklavenhandel thematisieren. Es scheint eine unausgesprochene Verpflichtung zu geben, dass man nur über solche Dinge schreiben darf,
wenn man mindestens einmal pro Doppelseite die Verwerflichkeit des Ganzen betont. Dabei könnte man beispielsweise bei den
angelsächsischen Kollegen und Kolleginnen lernen, wie Sklavenhandel oder koloniale Ausbeutung weniger bemüht und dennoch lesbar
beschrieben werden kann. Nein, eine solche Selbstverpflichtung wie die oben angesprochene führt häufig nur zu Fehleinschätzungen. So
werden die Verhältnisse in Westafrika zur Zeit der großen Handelskompanien immer wieder so dargestellt, dass den Europäer die
Täterrolle und den Afrikaner die Opferrolle zufällt, dieser Darstellung entsprechend werden Afrikaner beim Handel stets betrogen und
lernen erst durch Europäer eine Sklavenhaltung kennen, welche diesen Namen auch verdient...

Zu beiden Punkten sei jedoch folgendes bemerkt: Da der Verfasser nicht zu Unrecht als Kenner europäischer Expansions- und
Kolonialgeschichte gilt, geschieht es mehrfach, dass nach einigen Seiten solche - der 'political correctnes' geschuldeten - Bemerkungen
dann auch wieder durch Ausführungen quasi zurückgenommen werden, die einer weitaus komplexeren historischen Realität Rechnung
tragen, wodurch der Text gelegentlich ein wenig ins Schwimmen gerät. So finden sich sowohl Passagen, zum Beispiel im Zusammenhang
mit der Gründung von Großfriedrichsburg, in denen das schon damals auf Unterdrückung, Übervorteilung und Ausbeutung ausgerichtete
Verhalten der "neuen Kolonialherren" betont wird, als auch solche, in denen - weitaus zutreffender - dem Leser nahegebracht wird, dass
das Verhältnis zwischen Afrikanern und Europäern im 17. Jahrhundert in höherem Masse einer Partnerschaft und einem Vertragsverhältnis
glich als der kolonialen Ausbeutung des Hochimperialismus. . .
"
Quelle: http://www.sehepunkte.de/2001/02/3549.html




Was soll uns der nächste Beitrag sagen? Sansibar, Samoa, Swakopmund, Usambara, Windhuk.
Will man diese, völlig wertfreien und heute noch gebräuchliche Namen von Städten und Ländern allen Ernstes wirklich
auf den Straßenschildern ersetzen? Welche Gemeinsamkeiten haben den z.B. Sansibar, deutscher Kolonialismus und
der Völkermord? Wenn ein solches Ansinnen wirklich ernst gemeint war und unter der Prämisse fungiert; wir diffamieren
und verunglimpfen jetzt: `Alles und Jeden´, findet sich sicher auch noch Belastendes bei Alfred Tetzlaff und der Biene Maja.



Auch beim nächsten Namen, Maximilian von Spee der im Zusammenhang mit Völkermord fällt, würde ich jetzt salopp fragen,
was der Autor geraucht hat!?! (Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund? ) Spee nahm, als unbedeutender Leutnant
zur See innerhalb des Westafrikanischen Kreuzer-Geschwaders 1884/85 an der Kolonialen Besitzergreifung und Sicherung
vor Togo und Kamerun teil. Wo finden sich denn da Ansätze zum Völkermord? Vielleicht bestand die `Verwerflichkeit´ aber
auch darin, dass die Großnichte von Maximilian von Spee den gleichen Frisör wie ein führender Nationalsozialist benutzt
hatte? Wie kann man sich denn als Autor mit dem Anspruch auf seriöse Artikel nur solchen Peinlichkeiten aussetzen?



Mit der gleichen `Begründung´ und `Legitimität´ müsste der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Konrad Adenauer, wörtlich `vom Sockel gestoßen werden´; Straßen, Alleen und Plätze umbenannt und selbst die
Stiftung mit seinem Namen umbenannt oder sogar aufgelöst werden. Warum? Erinnern wir uns: Konrad Adenauer
war 1931–1933 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, und schrieb bereits 1927:
"Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig
Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente,
die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden,
gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.
"
Quelle: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Ler ... ntent/8235

Die gleichen `fremdenfeindlichen und rassistischen´ Tendenzen lassen sich übrigens auch bei dem ersten Bundespräsident,
Theodor Heuss finden. Es gibt also noch genügen Arbeit für diese `Bilderstürmer´ und (zukünftigen?) `Bücherverbrenner´.
Eventuell tendiert der Autor des oben aufgeführten Links auch mehr für eine Kai-Biermann-Allee?!?

Derzeit sind Schritte gegen das Andenken dieser Personen sicher noch Fiktion; aber seien wir sicher; es wird kommen!
Erste; noch zaghafte und `mutige´ Ansätze sind bereits vollzogen: http://www.dortmund-postkolonial.de/?page_id=1510


[Sarkasmus]
Nicht bestätigten Gerüchten zu Folge, ist dieses Forum auch schon mehrmals aufgefordert worden, die 50% Frauenquote
seiner User, sowie einen 25% Mindestanteil von Nicht-Deutschen Staatsbürgern aus ehemaligen Kolonien nachzuweisen.
Auch gibt es Bemühungen von `Volksaufklärern´, den `historisch extrem belasteten´ Namen Deutschland zu überdenken!
[/Sarkasmus]

Gruß Holger

»Ein Zyniker ist ein Schuft, dessen Wahrnehmung die Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten« (A. Bierce 1842-1914)
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Re: ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Redaktion » Do 1. Feb 2018, 21:01

Ich bin´s schon lange leid mir sowas durchzulesen oder darauf zu reagieren. Geschichte wird verdreht und politisiert, daß man sprachlos ist. Respekt vor denen, die zum Widerspruch noch Kraft und Nerven haben.

Trauernde Germania.jpg
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Re: ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Nissen » Fr 2. Feb 2018, 21:22

Ja, da man kann sich nur an den Kopf fassen ...

Ergänzend das Thema "Mohren-Apotheken" ... hier z.B. von FAZ online (29.01.2018): http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/frankfurt-zwei-mohren-apotheken-sollen-ihren-namen-aendern-15421546.html

(Danke für den Hinweis auf Adenauer. Das war mir noch nicht bekannt :-) )
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Re: ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Nissen » Sa 24. Mär 2018, 16:19

Zeit-online: 05.02.2018: http://www.zeit.de/kultur/film/2018-01/heimatfilme-afrika-rassismus-neokolonialismus-fernsehen

Jetzt gerät auch die seichte (sogar öffentlich-rechtliche) Abendschmonzette in den Fokus:

"Das deutsche Fernsehen hat ein eigenes Genre erfunden: den afrikanisierten Heimatfilm. Hier werden neokoloniale Sehnsüchte in exotischem Umfeld ausgebreitet." (Zeit)
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Re: ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Redaktion » Sa 24. Mär 2018, 16:51

Die Autorin des Artikels hat über "Fremdheit und Othering im deutschsprachigen Unterhaltungsfernsehen promoviert"....

:D
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Re: ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Nissen » Do 12. Apr 2018, 16:18

Zeit-online, 12.04.2018: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-04/strassennamen-wedding-umbenennung-berlin-afrikanisches-viertel

Zeit: "Berlin will Völkermörder aus Straßenbild verbannen. Noch immer werden Verbrecher der Kolonialzeit mit Straßennamen geehrt. Berlin-Mitte will das im Afrikanischen Viertel ändern und damit einen langen Streit beenden."

Z.B. die Petersallee soll künftig Maji-Maji-Alle heißen. Zeit: "Der Maji-Maji-Aufstand gilt als größter Befreiungskampf der deutschen Kolonialzeit."

Ausgerechnet - bei Maji-Maji denke ich eher an die armen Afrikaner, die mit dem angeblichen "Schutz" durch die "Magie des Wunderwassers" von ihren Anführern zu 1000enden rücksichtslos verheizt wurden.
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Re: ZEIT: Straßennamen und Kolonialismus

Beitragvon Nissen » Fr 6. Jul 2018, 21:03

ZEIT online, 06.07.2018: "Straßennamen sind nur ein Anfang - Die deutsche Bevölkerung weiß noch immer viel zu wenig über die Verbrechen und den Rassismus des Kaiserreichs. Eine neue, antikoloniale Bewegung will das ändern."

https://www.zeit.de/kultur/2018-07/deutsche-kolonialgeschichte-kolonialverbrechung-aufarbeitung-10nach8?page=4#comments

Ironie dabei: der Beitrag wurde geschrieben von einer Britin :roll:
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