Konkurrenz für `Bwana Tucke-Tucke´?

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Konkurrenz für `Bwana Tucke-Tucke´?

Beitragvon Holger Kotthaus » Sa 20. Feb 2016, 20:34

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KONKURRENZ FÜR `BWANA TUCKE-TUCKE´?





Der o.g., von Afrikanern geprägte Begriff für Oblt. Paul Graetz werden die meisten sicher schon mal gehört haben.

Paul Graetz Biographie 1875 - 1968
http://www.paulgraetz.de/biografie

Dank der unermüdlichen Recherchearbeiten und weiteren Aktivitäten des werten Herrn Carsten Möhle,
wurde Oberleutnant Paul Graetz, alias `Bwana Tucke-Tucke´ als ehemaliger Angehöriger der Schutztruppe
in Deutsch Ost-Afrika weithin bekannt. http://www.bwana.de/spezialreisen/exped ... -tour.html

Paul Graetz gelang es u.a. in den Jahren 1907-1909 eine Ost-West Durchquerung des südlichen Afrikas
mit einem PKW der Firma `Süddeutsche Automobil-Fabrik Gaggenau´ (später aufgegangen in Mercedes Benz)





Es gab aber einen weiteren deutschen Abenteurer, der 1908 in Nord-Ost Afrika
eine expeditionsähnliche Autofahrt durchführte. Der Geschäftsmann Arnold Holtz.

Ein Beitrag aus der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung vom 19. Oktober 1910:
Autos in Deutsch-Ostafrika
Wie wir nach dem “Daily Expreß” kürzlich wiedergaben, beabsichtigen einige englische Sportsleute,
den Versuch zu machen, Afrika vom Kap bis zur Nilmündung im Kraftwagen zu durchfahren. Es würde
das keineswegs die erste größere Reise eines Kraftfahrzeugs im dunklen Erdteil sein. Abgesehen von
dem bereits bestehenden Kraftwagenverkehr in Britisch - Ostafrika und missglückten Ansätzen in unserem
Anteile sind besonders in Abessinien erfolgreiche Versuche gemacht worden. Der Deutsche Holtz hat in
Abessinien den Engländer Bentley glatt geschlagen und die lebhafte Bewunderung des Kaisers Menelik
gefunden. Die Ereignisse sind in dem Buche “ Im Auto zu Kaiser Menelik” (Vita Verlagshaus, Berlin)
niedergelegt worden. In neuerer Zeit hat dann Oberleutnant Graetz, freilich nicht ohne erhebliche Pannen
und dadurch bedingte Verzögerung, eine Fahrt durch Deutsch - Ostafrika und Englisch - Südafrika
unternommen. Auch hierüber ist bericht abgelegt, und zwar in dem nahezu romantisch gehaltenen
Werke “ Im Auto quer durch Afrika” (Gutenberg – Verlag, Berlin.)






Bild Bild

“ Teil 3: Spurensuche in Abessinien
Eine recht abenteuerliche Geschichte ereignete sich 1908 in Abessinien, dem heutigen Äthiopien,
in der ein Nacke-Automobil eine Hauptrolle spielte. Zu jener Zeit wurde das afrikanische Land von
Kaiser Menelik II. regiert. Der deutsche Geschäftsmann und Afrikareisende Arnold Holtz, er gründete
u.a. die Deutsch-Abessinische Handelsgesellschaft, war bereits mehrmals in Abessinien bei Kaiser
Menelik
zu Gast. Er versprach dem Kaiser von Abessinien, dessen Vertrauen er besaß, ihn mit einem
deutschen Automobil in seiner 2600 m hoch gelegenen Hauptstadt zu besuchen. Dieses Versprechen
löste Holtz Anfang des Jahres 1908 ein. Für das gewagte Unternehmen wählte Holtz ein Automobil
aus der Fabrik von Emil Nacke! Es war ein 35 HP1 Nacke-Doppel-Phaethon2.

Die Robustheit des Getriebes und der Reifen, sie waren mit einer Gummilösung gefüllt, gaben mit
den Ausschlag für diese Wahl. Die Karosserie fertigte die Berliner Firma Neuss. Da das Automobil
als Geschenk für den Kaiser gedacht war, ließ Holtz die Karosserie mit dem abessinischen Löwen
schmücken. Robust musste das Auto sein, denn an Straßen war in Abessinien noch nicht zu denken.
So galt auch als Ziel der Expedition, die Erschließung des Landes durch Automobile auszuloten. Das
Nacke-Automobil überstand alle Widrigkeiten wie Wüsten- und Flussdurchquerungen, überwand
Felspässe und trotzte mit entsprechendem Kühlwasserverbrauch der ungewohnten Sonnenglut.
Das überzeugte auch den Kaiser, und er ließ sich das Nacke-Automobil schenken. Er verschmähte
das Auto der englischen Expedition, die gleichzeitig um die Gunst des Kaisers warb.“



Kaiser Menelik II. (links) und Arnold Holtz (rechts) am Nacke Double-Phaeton 35 HP. 1908

Bild

Quelle: http://www.coswig.de/stadtverwaltung/st ... 031204.htm




“ . . . .1908 bringt ein anderer Deutscher das erste Auto nach Äthiopien: Arnold Holtz ist ein
praktisch denkender Kaufmann; er nimmt drei junge Männer aus Äthiopien für eine Ausbildung
zu Kraftfahrzeugmechanikern mit nach Deutschland: Tessema Eshete, Astatke and Wolde Tsadik.“


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Quelle: http://www.dworschak-marx.de/Christlich ... chland.pdf




“ Diesen „Doppel-Phaeton“ der Automobilfabrik Nacke . . . erhielt Kaiser Menelik II. von Abessinien, dem heutigen
Äthiopien, 1908 als Geschenk von einem deutschen Geschäftsmann. Nach der abenteuerlichen Durchquerung
von Flüssen und Wüsten konnte der Kaiser (links hinter dem Lenkrad stehend) das Fahrzeug in Addis Abeba in
Empfang nehmen, es war das erste einsatzfähige Motorfahrzeug in dem afrikanischen Land. Über den Verbleib
des Oldtimers ist, trotz intensiver Suche, bis heute nichts bekannt. Leider konnte auch Prinz Asfa-Wossen Asserate,
Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, der danach gefragt wurde, nicht weiterhelfen. (Elbhang-Kurier 8/05)“


Bild

Quelle: http://www.elbhangkurier.de/2007/08/emi ... obilbauer/



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Auch während des 1. Weltkrieges verblieb Holtz `seinem´ Äthiopien / Abessinien treu. Abgeschnitten von
der Außenwelt verblieb er als Teil der kleinen Gemeinde der Mittelmächte, Deutschland, Österreich-Ungarn
und Türkei in diesem entfernten Teil des Afrikanischen Kontinents. Auch hier versuchte er sich nützlich zu
machen und setzte seine weitreichenden Kontakte zur einflussreichen Deutsch-Äthiopischen Familie Hall
ein. Hilfreich war hierbei auch seine Freundschaft zu dem später, sehr bekannt gewordenen französischen
Abenteurer und Schmuggler Henry de Monfreid. Er kümmerte sich auch um die geflohenen Seeleute der elf
deutschen und österreichischen Frachtschiffe die im Italienischen Massawa konfisziert worden waren und
koordinierte deren weitere Aktivitäten während des Äthiopischen Bürgerkrieges im Herbst 1916. Nachdem
der pro-deutsche, äthiopische Thronnachfolger Lïj / Negus Iyasu V. gestürzt und vertrieben worden war,
entschied sich Holtz dafür das Land im Frühjahr 1917 zu verlassen, wurde aber nach vier Monaten gefasst.


1917 March – The German Minister in Addis Ababa von Syburg decides to send documents to Berlin
via General Said Pasha Commander of Turkish forces in Yemen. The documents will be delivered by
a special caravan led by the legation’s secretary Arnold Holtz with the assistance of an Austrian named
Karmelich. The German Legation asks the Ethiopian Government to issue passports allowing Consul
Jensen, Holtz and Karmelich to go hunting in the south of the country.
1917 April – The German-Turkish caravan leaves Addis Ababa in sections. Consul Jensen, Holtz and
Karmelich, the last two dressed in Ethiopian garb, leave the capital on horseback during the evening.
The French Minister is notified and wires Djibouti.
1917 June – Henry de Monfreid was contracted to ferry Holtz and Karmelich across the Strait of Bab el
Mandeb to Yemen aboard his boat the Fat el Raman. Monfreid is highly trusted because of his marriage
to a German but is in fact a double agent working for the French. Governor Fillon sends an armed column
of about 60 men which cuts off Holtz’s retreat and encircles him at Afasi on the Dakka Plateau near Wadi
Sekayto 50 kilometers inside French territory. After a brief skirmish Holtz and Karmelich surrender. They
are transported to France and held prisoner until the end of the war.”

Quelle: http://www.schudak.de/timelines/frenchs ... -1946.html




Die Franzosen wollten bei Holtz sicher gehen. Er erhielt hierfür noch 1917 in Djibouti die doppelte Todesstrafe,
(Cour militaire: Tod durch Erschießen + Cour criminelle: Tod durch die Guillotine), ferner drei Jahre Gefängnis,
zusätzlich lebenslängliche Deportation + Zwangsarbeit, weitere zehn Jahre Zuchthaus, 50.000 Franc Geldstrafe
und Konfiszierung sämtlichen Eigentums. Letztendlich wurde er nach fünf Jahren Haft im Jahre 1922 entlassen.
Quelle: http://www.amigbrasil.org.br/var/site/s ... cbbe78.pdf




Nach Ende des 1. Weltkrieges kehrte Arnold Holtz in seine Wahlheimat zurück und wurde aufgrund seiner
Verdienste vom neuen äthiopischen Herrscher Haile Selassie pro-forma zum abessinischen Staatsrat ernannt.
Quelle: Schriftwechsel Arthur Bonus, Arnold Holtz und Robert Aengeneyndt, 6 Briefe mit 20 Seiten,
Archiv Nummer: NL Bonus 25_015 bis 26_013. Thüringisches Haupt-Staatsarchiv in Weimar.





Vergleiche hierzu weiterhin:

Eine deutsche Gesandtschaft in Abessinien, Felix Rosen, Verlag von Veit & Comp. Leipzig 1907, pdf. 514 Seiten.

https://ia800302.us.archive.org/18/item ... 00rose.pdf

Von der Rosen-Gesandtschaft bis heute: 100 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Äthiopien.
http://www.addis-abeba.diplo.de/content ... pl_bez.pdf




Arnold Holtz im Jahre 1929

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Quelle: Am Tor der Tränen, (Bab el Mandeb), Afrikanische Erlebnisse
eines deutschen Kuriers, Arnold Holtz, Verlag Georg Stilke, Berlin 1929.





`Indiana Jones´ ist nur eine Fiktive Gestallt; – Paul Greatz und Arnold Holtz waren es nicht; – es gab sie wirklich!

Gruß Holger Kotthaus
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Re: Konkurrenz für `Bwana Tucke-Tucke´?

Beitragvon Redaktion » So 21. Feb 2016, 11:07

Danke für den interessanten Beitrag.

Mal wieder ein Beleg für mich, daß es immer noch sooo viele spannende Aspekte der Kolonialgeschichte zu entdecken gibt. Um so mehr verwunderlich, daß sich andererseits die Masse alle Leute mit immer wieder denselben Themen beschäftigen, die mich nur noch langweilen.
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